Es ist eine tägliche Herausforderung, zwischen Beruf, Familie und eigenen Zielen die Balance zu finden. Denn häufig kämpfen wir nicht nur mit den Anforderungen im Job und dem Druck, beruflich erfolgreich zu sein, sondern tragen auch eine immense Verantwortung im privaten Bereich. Vor allem Care-Arbeit, die nach wie vor grösstenteils von Frauen übernommen wird (Nationales Barometer zur Gleichstellung 2021, Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten). Ob Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder die Organisation des Familienalltags – viele dieser Aufgaben fallen unbewusst in unsere Hände und werden selten hinterfragt.
Warum fällt es uns manchmal so schwer, die Balance zu halten? Gesellschaftliche Rollenerwartungen spielen eine entscheidende Rolle. Oft sind wir darauf konditioniert, für andere da zu sein, die Erwartungen unserer Mitmenschen zu erfüllen und unsere eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Dieses «Immer-Ja-Sagen» führt dazu, dass wir uns selbst aus den Augen verlieren. Deshalb ist es umso wichtiger, bewusst Nein zu sagen – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Denn nur, wenn wir selbst in Balance sind, können wir auch für andere da sein.
Warum Balance essenziell ist
Theorien und Modelle aus der Arbeitspsychologie zeigen klar, wie wichtig das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben für unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist. Hier hat sich der Begriff «Work-Life-Balance» etabliert. Studien belegen, dass ständige Überlastung und fehlende Erholungsphasen zu Stress, Burnout und körperlichen Beschwerden führen können (Burisch, 2014). Besonders Frauen, die oft mehreren Rollen gleichzeitig gerecht werden müssen, sind einem höheren Risiko der Überforderung ausgesetzt (WHO, 2019).
Die psychologische Forschung hebt die Bedeutung von Erholungszeiten und einem klaren mentalen Schnitt zwischen Arbeits- und Privatleben hervor. Rituale, die diesen Übergang markieren – wie bewusstes Abschalten nach der Arbeit oder feste Zeiten, die der Familie oder der eigenen Erholung gewidmet sind – können dabei helfen. Solche Strategien gewinnen vor allem im digitalen Zeitalter, welches eine ständige Erreichbarkeit mit sich bringt, zunehmend an Bedeutung (Dettmers, 2017). Zudem ist es wichtig, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, das sich nicht allein auf berufliche Erfolge stützt. Wer erkennt, dass Erholung keine «verschwendete Zeit» ist, sondern die Produktivität steigert, kann bewusstere Entscheidungen für das eigene Wohl treffen.
Kleine Schritte für eine erfüllte Work-Life-Balance
Eine gesunde Work-Life-Balance beginnt oft mit kleinen, bewussten Entscheidungen. Hier sind einige praktische Tipps, die du sofort umsetzen kannst, um mehr Raum für dich selbst zu schaffen:
- Prioritäten setzen und sich selbst wichtig nehmen
Frage dich regelmässig: Was brauche ich, um mich gut zu fühlen? Notiere dir, welche Aktivitäten dir Energie geben und welche dir Kraft rauben. Setze Prioritäten, und vergiss nicht, dich selbst auf deiner Liste zu berücksichtigen. - Nein sagen lernen
Nein zu sagen ist ein Lernprozess. Beginne damit, dir in belastenden Situationen zu erlauben, Grenzen zu setzen. Denk daran: Ein Nein zu anderen kann ein Ja zu dir selbst sein! - Selfcare fest in den Alltag integrieren
Ob ein Spaziergang, ein heisses Bad oder eine halbe Stunde Lesezeit – Selfcare muss nicht aufwendig sein, ist aber wichtig. Diese Momente nur für dich helfen dir, Energie zu tanken und den Kopf freizubekommen. - Netzwerk aufbauen und Unterstützung suchen
Niemand muss alles alleine schaffen. Sprich mit Freundinnen, Kolleginnen oder anderen Müttern über die Herausforderungen, die du erlebst. Tauscht euch aus und sucht aktiv Unterstützung. Es kann unglaublich entlastend sein, zu wissen, dass man nicht allein ist. Und: To Do’s können und dürfen auch delegiert werden. - Auf gesellschaftliche Veränderungen hinwirken
Work-Life-Balance ist auch eine gesellschaftliche Frage. Es ist wichtig, weiterhin offen über die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit zu sprechen und Strukturen zu hinterfragen, die Frauen oft in die Rolle der Hauptverantwortlichen drängen. Langfristig brauchen wir Lösungen, die Beruf und Familie für alle besser vereinbar machen.
Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit
Die Balance zu halten, bedeutet nicht, alles perfekt zu managen. Es bedeutet, achtsam mit sich selbst zu sein, eigene Bedürfnisse zu erkennen und für sie einzustehen. Jede kleine Entscheidung, die du für dich triffst, ist ein Schritt in Richtung eines erfüllteren Alltags. Erlaube dir, für dein eigenes Wohlbefinden zu sorgen!
Du möchtest mehr erfahren?
Am Freitag, 29. November 2024, 19 Uhr, im Macherzentrum Toggenburg, kann du an unserem öffentlichen Bildungsanlass von Frieda & Idda teilnehmen. Die Wirtschaftspsychologie-Studentin, Nadja Brändle, wird ein Referat zur Psychologie am Arbeitsplatz mit einem speziellen Fokus auf die Rolle der Frau halten. Wir freuen uns auf deinen Besuch!
Mehr Infos zum Anlass findest du hier.
Quellen und Wissenswertes
https://www.equality.ch/pdf_d/Barometer_DE_komplett.pdf
https://www.oecd.org/en/publications/the-pursuit-of-gender-equality_9789264281318-en.html
Text: Nadja Brändle
Bild: Emma Simpson auf Unsplash