Martina Dumelin, unsere Präsidentin von Frieda & Idda, ist eine Generalistin mit unbändiger Neugier und vielseitiger Erfahrung – von der Lehrerin über Kulturmanagement bis zur Projektleitung. Im Interview erzählt sie von sich. Seit zehn Jahren selbstständig, verbindet sie erfolgreich ihre beruflichen Projekte mit der Familie. Besonders stolz ist sie auf das Mitsommerfest in Frauenfeld, das Tausende begeistert. Die Förderung von Frauen im Toggenburg ist ihr ein Herzensanliegen. Martina möchte Frauen Mut machen, ihr volles Potenzial zu entfalten, und betont die Bedeutung weiblicher Kompetenz für die Region. Ihr Aufruf: «Lasst uns gemeinsam mutig Neues wagen!»
Martina, wer bist du?
Ich bin eine klassische Generalistin, immer neugierig – beruflich und privat. Mich faszinieren viele Themen, vor allem in Verbindung mit Menschen. Vielleicht bin ich deshalb zuerst Seklehrerin geworden. Doch irgendwann wurde mir die Welt der Schule zu eng, und ich sehnte mich nach mehr unternehmerischem Freiraum. So führte mein Weg weiter zu einem zweiten Studium im Kulturmanagement.
In den folgenden Jahren habe ich vielfältige Erfahrungen in der Gesundheitsförderung und der Kulturszene gesammelt. Parallel dazu gründete ich nicht nur mein eigenes Unternehmen, sondern auch eine lebhafte Bubenbande zu Hause, die mir täglich neue Perspektiven und Themen eröffnet. Bei uns ist es wild, laut und wunderschön.
Und deine Hauptaufgabe?
Heute entwickle und leite ich vor allem Projekte im Sozialen, in der Bildung und Kultur. Meine Hauptaufgabe besteht darin, unterschiedliche Ansprüche und Bedürfnisse zusammenzubringen und daraus vielseitige, tragfähige Projekte zu schaffen, die umsetzbar und finanzierbar sind. Ich habe mich auch in verschiedenen Bereichen weitergebildet, etwa in Nachhaltigkeit (Corporate Social Responsibility) und Methoden wie Visualisierung und Moderation.
Was hat deinen beruflichen Weg geprägt?
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Arbeit immer als etwas Positives und Bereicherndes gelebt wurde – verbunden mit dem Wert der Leistungsorientierung. Meine Mutter hat uns Mädchen schon früh ermutigt, in unsere Aus- und Weiterbildung zu investieren, bevor wir uns vielleicht für eine Familie entscheiden. Diese Prägung hat mir viele Türen geöffnet und mir einen starken Antrieb gegeben.
Eine prägende Rolle spielte auch eine beeindruckende Vorgesetzte, die ich während einer Anstellung hatte. Sie hat mir viel Verantwortung übertragen und mich ermutigt, Entscheidungen zu treffen – eine Inspiration, die mich bis heute begleitet. Sie ist für mich ein wichtiges weibliches Führungsvorbild, das mir in meiner persönlichen und beruflichen Entwicklung immer wieder Orientierung gibt.
Meine Mutter hat uns Mädchen schon früh ermutigt, in unsere Aus- und Weiterbildung zu investieren, bevor wir uns vielleicht für eine Familie entscheiden. Diese Prägung hat mir viele Türen geöffnet und mir einen starken Antrieb gegeben.
– Martina Dumelin
Warum selbständig sein?
Einmal sagte mir ein Vorgesetzter, wenn ich mich nicht mit Mittelmass zufriedengeben könne, solle ich kündigen. Diese Worte blieben mir im Kopf, aber auf eine Weise, die mich antrieb. Kurz darauf ermutigte mich eine erfahrene Unternehmerin, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Beiden Menschen verdanke ich einen entscheidenden Impuls, der mich auf meinen Weg geführt hat.
Heute bin ich seit über zehn Jahren selbständig. Mein starker Antrieb und mein Unternehmerinnengeist motivieren mich jeden Tag aufs Neue. Ich treffe gerne Entscheidungen und übernehme mit Begeisterung die Führung. Diese Eigenschaften passen perfekt zu meiner Rolle als Unternehmerin und machen die Selbständigkeit für mich zur idealen Lebensform.
Was motiviert und inspiriert dich im Arbeitsalltag?
In meinen Aufträgen begegne ich Menschen mit den unterschiedlichsten Denkweisen und Hintergründen aus verschiedenen Branchen. Diese Vielfalt an Persönlichkeiten und Welten inspiriert mich immer wieder aufs Neue. Ich spüre einen starken Antrieb und eine tiefe Neugier, die mich dazu bringen, ständig neue Ideen zu entwickeln – eine Leidenschaft, die ich schon als Kind hatte.
Besonders reizen mich Aufgaben, die in der Initialisierungsphase liegen. Es erfüllt mich, Zeit und Energie in einen gelungenen Start zu investieren, denn ein starker Anfang kann den gesamten Verlauf eines Projekts prägen. Das Zitat von Ruth Cohn trifft es für mich perfekt: «Wenn du wenig Zeit hast, investiere viel davon in den Anfang.» Dieser Gedanke begleitet mich oft in meiner Arbeit.
Wenn du wenig Zeit hast, investiere viel davon in den Anfang.
– Ruth Cohn
Selbständigkeit bringt auch viel Flexibilität mit. Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Kein Arbeitstag gleicht dem anderen. Morgens um 7.30 Uhr verlasse ich mit meinen Kindern das Haus, bringe den Kleinsten zur Kita und mache mich dann auf den Weg zum nächsten Coworking Space. Ich arbeite dort, wo meine Kundschaft oder meine Projekte angesiedelt sind – von Nesslau bis Olten. Mein Laptop ist mein wichtigstes Arbeitsmittel, und dank dieser Flexibilität kann ich mich schnell auf neue Orte und Aufgaben einstellen.
Die Coworking Spaces bieten mir eine ideale Infrastruktur, vor allem für Besprechungen. Viele meiner Projektsitzungen finden online statt, was mir wertvolle Zeit spart. Für die Entwicklung und Konzeptarbeit nehme ich mir gerne die späten Abendstunden, wenn meine Familie bereits schläft. Diese ruhigen Momente sind für mich besonders kreativ und konzentriert, und ich liebe es, in dieser Atmosphäre Ideen zu entfalten.
Welches Projekt macht dich besonders stolz?
2017 hatte ich die Chance, ein Konzept für ein wiederkehrendes Stadtfest in Frauenfeld zu entwickeln. So entstand das Mitsommerfest, das ich mit einem engagierten Team von rund 15 Personen bereits zweimal umsetzen durfte – und dabei 40’000 Besuchende glücklich machen konnte. Die Leitung dieses Projekts zählt zu den mutigsten Herausforderungen, die ich bisher angenommen habe, und es war eine unglaublich stärkende Erfahrung, als es das erste Mal erfolgreich gelang.
Ich nehme mir seit zehn Jahren vor, mich jedes Jahr einer neuen mutigen Aufgabe zu stellen. Dazu zählen nicht nur die Geburten unserer drei Kinder, sondern auch Projekte, die ich mir anfangs kaum zugetraut hätte – wie etwa die Moderation einer Tagung vor 350 Menschen. Besonders stolz macht es mich, dass ich seit einem Jahrzehnt kontinuierlich neue Aufträge bekomme und immer wieder frische Projekte umsetzen darf.
Und was kostet aktuell eher Energie?
Zurzeit jongliere ich oft mit meinen zeitlichen Ressourcen. Ich wünsche mir mehr Arbeitszeit, möchte aber gleichzeitig nicht die Zeit mit meinen Kindern reduzieren, um an meinen Mamitagen wirklich präsent für sie zu sein. Derzeit arbeite ich rund 60 Prozent und schätze es sehr, meine beruflichen Verpflichtungen auf diese Arbeitstage zu konzentrieren. Doch es gelingt mir nicht immer, alle Besprechungen in diese Tage zu packen, was zusätzliche Flexibilität erfordert.
Die Organisation einer flexiblen Kinderbetreuung ist nicht immer einfach. Unsere Kita ist grossartig, und meine Mutter hilft regelmässig – dafür bin ich unglaublich dankbar. Trotzdem merke ich, dass unser System nach wie vor nicht wirklich auf berufstätige Frauen ausgerichtet ist, was manchmal eine zusätzliche Herausforderung darstellt.
Trotzdem schaffst du es, all deine Aufgaben unter einen Hut zu bringen!
Für mich sind Vertrauen, Transparenz und Optimismus die Grundvoraussetzungen für Lebensqualität und eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Ich arbeite und lebe gerne mit Menschen, die das Wort «und» statt «aber» verwenden, weil es für mich Offenheit und Möglichkeiten signalisiert. Es ist mir besonders wichtig, Herausforderungen frühzeitig und ganzheitlich zu erfassen und offen zu diskutieren. Oft liegen Lösungen überraschend nah, wenn wir rechtzeitig verschiedene Perspektiven einbeziehen und Unterstützung suchen.
Ich bin kein Fan von Jammern und komme auch schlecht damit klar – es macht für mich viel mehr Sinn, die Bedürfnisse meines Gegenübers zu erfragen und gleichzeitig meine eigenen klar zu benennen, damit die Situation für alle transparent ist. Diese Haltung hilft mir auch dabei, Familie und Beruf zu vereinbaren. Oft können wir uns gegenseitig entlasten, indem wir uns ergänzen.
Ich mag Methoden wie Design Thinking, die darauf abzielen, die Ausgangslage gründlich zu verstehen und schon früh Prototypen zu entwickeln und zu testen. So können wir realitätsnahe Lösungen finden und das Risiko von utopischen oder aufgeblasenen Projekten minimieren. Diese Herangehensweise wende ich auch im Privaten an, zum Beispiel indem ich mit meinen Kindern teste, ob ein anderes Zimmer zu besserem Schlaf führt, bevor wir endgültige Entscheidungen treffen. Früher sagten wir: «Probieren geht über Studieren.» Das passt bis heute für mich.
Ich bin kein Fan von Jammern und komme auch schlecht damit klar (…)
– Martina Dumelin
Wie gefällt dir das Toggenburg?
Unsere Entscheidung, im Toggenburg zu leben, wurde durch die berufliche Situation meines Partners geprägt. Ich komme aus dem Thurgau. Am Anfang wusste ich nicht recht, was mich hier erwartet. Doch schon bald habe ich viele beeindruckende Persönlichkeiten kennengelernt, die mir Mut gemacht und mich inspiriert haben. Hier gibt es so viele kreative, starke Menschen, die Dinge einfach anpacken und loslegen, ohne sich zu lange von kritischen Stimmen aufhalten zu lassen.
Ich liebe die Verbindung aus der imposanten Natur und den innovativen, zukunftsgerichteten Ideen, die hier entstehen. Es gibt noch so viel Spannendes zu bewegen – also packen wir’s an!
Warum hast du Frieda & Idda mitinitiiert und was bedeutet der Verein für dich? Welche Vision hast du für den Verein?
Mir ist aufgefallen, dass viele Frauen hier sich selbst Ämter, Verantwortung oder berufliche Wagnisse nicht zutrauen, die ich ihnen schon längst zugetraut hätte. In Gesprächen wurde mir klar, dass es im Tal viele grossartige Frauen gibt, die mutige Wege eingeschlagen haben und beeindruckende Leistungen erbringen – beruflich, gesellschaftlich oder politisch. Doch oft sind sie kaum bekannt. Podien und Vorträge sind meist männlich besetzt, und Texte werden häufig in der männlichen Form formuliert.
Bescheidenheit und Häuslichkeit scheinen hier grosse Tugenden zu sein, die Frauen in ihren beruflichen Entscheidungen manchmal im Weg stehen. Aber die Welt – insbesondere die Bildung und die Wirtschaft – braucht uns alle. Der Fachkräftemangel und die Herausforderungen, die unser System am Laufen halten, machen deutlich: Wir müssen die Kinderbetreuung in Partnerschaft gemeinsam stemmen, und die berufliche, gesellschaftliche und politische Kompetenz von Frauen ist mehr gefragt denn je.
Frauen verfügen über ein enormes Potenzial an Fähigkeiten, das nach der Familiengründung viel zu oft unsichtbar wird. Häufig fehlt es an Inspiration, Unterstützung und Mut. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Mit Frieda & Idda möchte ich Frauen sichtbar machen, die als Vorbilder dienen können. Ich wünsche mir für jede Frau ein Umfeld, das sie ermutigt, ihr volles Potenzial zu entfalten – sei es in der Familie, im Beruf oder in einem gesellschaftlichen oder politischen Engagement.
Hast du schon «weibliche» Herausforderungen erlebt, und wie bist du damit umgegangen?
Mir ist aufgefallen, dass ich hier im Toggenburg selten auf meine Tätigkeiten ausserhalb der Familie angesprochen werde. Es scheint oft die Annahme zu bestehen, dass ich meine beruflichen Interessen nach der Familiengründung aufgegeben habe – eine Annahme, die meinem Partner nie begegnete. Dabei freue ich mich sehr darüber, meine Rollen als Unternehmerin und Mutter gleichzeitig auszufüllen. Beide Bereiche befruchten sich gegenseitig und sind essenziell für meine psychische Gesundheit und das Wohl unserer Familie.
Ich möchte die Herausforderungen der Vereinbarkeit mit anderen Frauen besprechen, um gemeinsam neue Ansätze für den Alltag zu entwickeln. Anfangs war es schwierig, solche Gespräche hier im Toggenburg zu führen.
Darüber hinaus brauche ich in meinen Projekten die Stimmen von Frauen, um Prozesse und Lösungen ganzheitlich und gut abgestützt zu gestalten. Es ist mir wichtig, dass qualifizierte Frauen sich im Tal beruflich einbringen und sichtbar werden. Einen «Brain Drain» – also den Verlust von Kompetenz durch Abwanderung – können wir uns nicht leisten. Junge Frauen sollen hier im Tal eine vielversprechende berufliche Zukunft sehen, damit unsere Gesellschaft vielfältig und das Toggenburg lebenswert bleibt. Gesellschaftlich repräsentative Gremien müssen divers aufgestellt sein, und wir brauchen mehr Frauen in entscheidenden Positionen.
Mir ist aufgefallen, dass ich hier im Toggenburg selten auf meine Tätigkeiten ausserhalb der Familie angesprochen werde. Es scheint oft die Annahme zu bestehen, dass ich meine beruflichen Interessen nach der Familiengründung aufgegeben habe – eine Annahme, die meinem Partner nie begegnete.
– Martina Dumelin
Welchen Rat würdest du Frauen geben, die ihre eigenen Projekte oder Träume umsetzen möchten?
Für mich war es enorm hilfreich, Unterstützung von Menschen anzunehmen, die bereits Erfahrungen in ähnlichen Bereichen gesammelt hatten. Zu Beginn meiner Reise habe ich ein Mentoringangebot genutzt, um meine Pläne zu reflektieren und schwierige Entscheidungen besser vorzubereiten. Besonders in der Herausforderung, Familie und Beruf zu vereinbaren, hat mir eine Auslegeordnung sehr geholfen. Dabei wurde schnell klar, dass das Auslagern bestimmter Aufgaben – wie die Hausreinigung oder meine geschäftliche Buchhaltung – eine echte Entlastung sein kann.
Ich versuche, mich nur auf Dinge zu konzentrieren, die ich entweder gut kann oder gerne mache. Der Austausch mit anderen Unternehmer:innen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, ist für mich eine ständige Quelle der Inspiration und Unterstützung. Es tut gut, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Und zu guter Letzt: Wo geht’s hin in Zukunft?
Ich möchte mich ständig weiterentwickeln – sowohl persönlich als auch beruflich. Es ist mir wichtig, Zeit für Reflexion, Weiterbildung und meine anhaltende Wissbegierde zu haben. Ich wünsche mir, meinen Kindern vorzuleben, wie viel Freude Arbeit machen kann, wenn man ein spannendes Arbeitsfeld gefunden hat. Dabei versuche ich, eine gesunde Balance zu finden und diese auch im Familienalltag zu leben.
Für mein Unternehmen wünsche ich mir, noch öfter Kollaborationen mit anderen Unternehmen und Fachpersonen einzugehen. So kann mein Unternehmen klein, flexibel und agil bleiben. Ich träume von mutigen Kolleg:innen, die sich der «und»-Kultur anschliessen und Herausforderungen gemeinsam angehen. Denn ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam noch stärker und kreativer sind.
Vielen Dank, Martina!
Text: Nadja Brändle
Bild: Silke kleine Kalvelage