Zwischen filigranen Scherenschnitten, kleinen Details und schwarzem Papier sitzt Jolanda Brändle an ihrem Arbeitstisch. Ruhig schiebt sie das Papier durch die Schere, Schnitt für Schnitt. Es wirkt fast selbstverständlich. Dabei begann alles mit einem Traum, den sie schon als kleines Mädchen hatte.
Wer Jolanda Brändle heute in ihrer Schererei in Mosnang besucht, könnte meinen, sie habe ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht. Mit jedem Schnitt mehr entstehen Kühe, Blumen, Häuser oder ganze Toggenburger Landschaften. Dabei begann alles mit einem Kindheitstraum. «Ich wollte einfach Künstlerin werden», erzählt sie lachend. Welche Art von Künstlerin? «Das war mir egal. Einfach etwas Kreatives.»
Schon als kleines Mädchen wollte ich Künstlerin werden!
– Jolanda Brändle, Scherenschnittkünstlerin
Dieser Wunsch hat sie nie ganz losgelassen. Aufgewachsen in Bazenheid, führte ihr Weg nach der Ausbildung zur Kindergartenlehrperson nach Mosnang. Dort trat sie mit gerade einmal 20 Jahren ihre erste Stelle an – und lernte ihren heutigen Mann kennen. Aus der ersten Arbeitsstelle wurde ein Zuhause. Heute lebt die Familie auf einem Biomilchbetrieb in Fridlingen. Neun Kinder sind hier gross geworden, inzwischen gehören auch zwei Grosskinder dazu.
Trotz Bauernhof, Familie und Alltag blieb die Kreativität immer ein Teil ihres Lebens. «Ich bin einfach sehr gerne kreativ und aktiv», sagt sie.
Aus einem Kurs wurde eine Leidenschaft
Dass ausgerechnet eine kleine Schere ihr Leben verändern würde, hätte Jolanda Brändle damals wohl nicht gedacht.1998 besuchte sie einen Scherenschnittkurs der Bäuerinnenvereinigung. Kurz zuvor hatte sie selbst einen Scherenschnitt gesehen und war fasziniert. «Ich habe einfach gedacht: Das kann man nicht. Das ist nicht möglich, etwas so Feines auszuschneiden.» Genau das wollte sie lernen. Schon wenige Jahre später stellte sie ihre Arbeiten erstmals aus. Die Rückmeldungen waren überraschend positiv. Gleichzeitig stellte sie fest, dass Scherenschnittkunst im Toggenburg kaum vertreten war. Sie hatte ihre Nische gefunden. Es folgte ein kleiner Laden im Unterdorf von Mosnang, erste Kurse und schliesslich der grosse Schritt an die Olma. 2008 präsentierte sie dort erstmals ihre Arbeiten. Der Erfolg war so gross, dass sie vier Jahre später das offizielle Olma-Plakat gestalten durfte. «Das war schon der Durchbruch», erzählt Jolanda. Medien aus der ganzen Schweiz berichteten über ihre Arbeiten, Radio und Fernsehen wurden auf die Scherenschnittkünstlerin aus Mosnang aufmerksam, später folgte sogar ein Auftritt bei Kurt Aeschbacher.
Die Teilnahme an der Olma hat mir zum Durchbruch verholfen.
– Jolanda Brändle, Scherenschnittkünstlerin
Die Schererei ist ein Familienprojekt
Mit dem Erfolg wuchs auch der Platzbedarf. 2020 übernahm die Familie Brändle das ehemalige Restaurant Bären mitten in Mosnang. Aus dem traditionsreichen Gebäude entstand die heutige Schererei – Laden, Galerie und Kurslokal. «Daraus wurde ein Familienprojekt», erzählt Jolanda. Die Tochter als Bodenlegerin verlegte die Böden, eine weitere Tochter übernahm die Malerarbeiten, der Sohn installierte die Elektrik. Kurz nach der Übernahme kam der erste Corona-Lockdown. Eröffnet wurde trotzdem – einfach etwas kleiner als ursprünglich geplant.
Jedes Bild trägt ihre Handschrift
Wer Jolanda Brändle nach ihrem Lieblingsmotiv fragt, erhält eine überraschende Antwort. Eigentlich wollte sie am Anfang keine Kühe ausschneiden. «Die waren mir zu banal», sagt sie schmunzelnd. Die Kundschaft sah das allerdings anders. Die Nachfrage war so gross, dass sie ihre Meinung bald änderte. Heute gehören Kühe genauso zu ihren Werken wie Hühner, Blumen oder Szenen aus dem Toggenburger Alltag. Fast in jedem Scherenschnitt versteckt sich ausserdem eine kleine fünfblättrige Blume – ihr persönliches Markenzeichen.
Viele Menschen seien überrascht, wie viel Handarbeit hinter jedem einzelnen Bild steckt. Jeder Scherenschnitt wird von Hand gezeichnet und von Hand ausgeschnitten. Manche Bilder entstehen an einem Nachmittag, andere begleiten sie über Tage oder Wochen.
Wenn genügend Zeit da ist und sie frei arbeiten kann, empfindet sie das Schneiden bis heute als meditativ. Sie meint: «Nur bei sehr detaillierten Kundenaufträgen werde aus der Leidenschaft manchmal auch einfach Arbeit.»
Das Scherenschnitte schneiden ist für mich eine meditative Arbeit.
– Jolanda Brändle, Scherenschnittkünstlerin
Sich selbst etwas zutrauen
Aus einem Hobby wurde Schritt für Schritt ein Unternehmen. Einen grossen Businessplan habe es nie gegeben, erzählt Jolanda. Vieles sei einfach gewachsen.
Heute kümmert sie sich um fast alles selbst – von der Gestaltung neuer Motive über den Online-Shop bis zur Verpackung der Bestellungen. Ihr Mann unterstützt sie inzwischen bei der Buchhaltung. «Es würde keinen Sinn machen, wenn er die Scherenschnitte übernehmen würde», sagt sie lachend.
Obwohl die Schererei längst ein wichtiges Standbein der Familie geworden ist, stand für Jolanda der wirtschaftliche Erfolg nie im Vordergrund. Viel wichtiger sei gewesen, etwas Eigenes zu haben. «Es gibt einem schon ein Gefühl von Freiheit», sagt sie. Genau diese Freiheit möchte sie auch anderen Frauen mitgeben.
Etwas Eigenes zu haben gibt mir das Gefühl von Freiheit.
– Jolanda Brändle, Scherenschnittkünstlerin
Vor rund 30 Jahren seien viele Frauen selbstverständlich zuhause geblieben, nachdem sie Kinder bekommen hatten. Heute arbeiteten deutlich mehr Mütter ausser Haus. Beides habe seine Berechtigung, findet sie. Entscheidend sei, dass Frauen ihren eigenen Weg finden – ohne sich dabei selbst zu verlieren. «Man muss sich auch einmal die Freiheit nehmen und sagen: Das will ich jetzt.» Gerade Mütter würden ihre eigenen Wünsche oft hinten anstellen. Natürlich stehe die Familie im Mittelpunkt. Trotzdem sei es wichtig, sich etwas zu bewahren, das nur einem selbst gehöre. Nicht aus Egoismus. Sondern weil genau daraus neue Energie entstehen könne.
Zu Gast bei Jolanda Brändle
Am Freitag, 4. September 2026, öffnet Jolanda Brändle die Türen ihrer Schererei für Frieda & Idda. Sie erzählt von ihrem Weg – von den ersten Scherenschnitten über den Aufbau ihres Unternehmens bis hin zur Frage, weshalb Kreativität manchmal auch bedeutet, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen. Natürlich gibt sie auch einen Einblick in ihr Handwerk und zeigt live, wie aus einem einfachen Blatt Papier filigrane Scherenschnitte entstehen. Bist du dabei, bei unserem nächsten «Treffen»?
Freitag, 4. September, 19.00 bis 21.00 Uhr
Schererei Mosnang, Bärenwiese 1
Keine Anmeldung erforderlich. Bring gerne eine Freundin mit – Fahrgemeinschaften sind willkommen.
Vielen Dank, Jolanda!
Text & Bild: Nadja Brändle
